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Nahrungsmittelspekulation macht Afrika ärmer

Die Preise für Nahrungsmittel sind in den letzten Jahren mit großen Schwankungen stark gestiegen. Die Spekulation mit Agrarrohstoffen gilt als zusätzlicher Preistreiber. Die Preise für Agrarrohstoffe – und davon abgeleitet für Nahrungsmittel – sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen und waren sehr starken Schwankungen ausgesetzt. Das wird bei einem Blick auf den Nahrungsmittel-Preisindex der Welternährungsorganisation FAO deutlich. In den Jahren 2007 und 2008 kam es zu einem deutlichen Anstieg, nach einem starken Abfall erreichen sie derzeit neue Höchstwerte. Von den Preissteigerungen sind die Menschen in Entwicklungsländern ungleich stärker betroffen als in den Industrieländern. Sie müssen einen größeren Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden. Während es bei Haushalten in Deutschland ungefähr 13 Prozent sind, sind es zum Beispiel in Bangladesh 55 Prozent, in Nigeria 70 Prozent.

Steigende Preise bei Agrarrohstoffen wie Mais oder Weizen machen Lebensmittel für viele unerschwinglich. Die Gründe für steigende Nahrungsmittelpreise sind vielfältig und wie bei jedem Preis geht es zunächst um Angebot und Nachfrage: Schlechte oder zerstörte Ernten durch Wetterereignisse, steigende Erdölpreise, weniger Anbaufläche als Folge des Klimawandels, aber auch zunehmende Flächenkonkurrenz etwa durch Biokraftstoffe – all das wirkt sich auf die Preise aus. Seit einigen Jahren diskutieren Experten einen weiteren Faktor, der für die extremen Preisschwankungen als zusätzlicher Verstärker mitverantwortlich gemacht wird: die Spekulation mit Agrarrohstoffen. Zunächst waren es vor allem Entwicklungs- und globalisierungskritische Organisationen, die sich mit dem Thema Nahrungsmittelspekulation beschäftigt haben. In den letzten Jahren rückt das Thema aber zunehmend auf die große politische Bühne. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat es auf die Agenda zur G20-Präsidentschaft seines Landes gesetzt, nach einigem Hin und Her hat es auch Eingang in die EU-Rohstoffstrategie gefunden. Das hat mehrere Gründe: Die Regierungen Europas fürchten Hungerflüchtlinge vor ihren Toren. Zudem sind exportorientierte Volkswirtschaften wie Deutschland auf stabile Wirtschaften in den Abnehmerländern angewiesen.

Was ist Nahrungsmittelspekulation?

Von Spekulation spricht man allgemein, wenn in Aktien, Devisen, Wertpapiere usw. allein aus der Erwartung investiert wird, sie später zu einem höheren Preis verkaufen zu können. Entsprechend geht es bei Nahrungsmittelspekulation um Wetten auf Preisänderungen bei Nahrungsmitteln – die wie jede Wette auch daneben gehen können. Spekulation wird zumeist nicht grundsätzlich als negativ bewertet, da sie für Liquidität am Markt sorgt. Auch auf fallende Kurse kan man spekulieren, etwa bei sogenannten Leerverkäufen. Vereinfacht gesagt, werden dabei Aktien oder Waren verkauft, die man noch gar nicht besitzt. Der Verkäufer leiht sie sich von Dritten und verkauft sie. Um sie dem Verleiher zurückzugeben, kauft er sie zu einem späteren Zeitpunkt – also bei gefallenem Preis – vom Markt zurück und kann die Differenz behalten. Der Funktionsweise der Agrarspekulation an sich ist nichts neues. Schon lange nutzen Händler und Produzenten den Terminmarkt, um sich gegen steigende bzw. fallende Preise abzusichern. Das funktioniert, wieder vereinfacht gesprochen, so: Ein Weizenproduzent verpflichtet sich, eine bestimmte Menge Weizen zu einem bestimmten Zeitpunkt zu liefern. Dafür wird ein Garantiepreis festgelegt, zu dem der Käufer den Weizen abnehmen wird. Das sorgt bei beiden Parteien für Planungssicherheit. Für diese Verträge, sogenannte Futures, gibt es wiederum weitere Händler. Sie werden Hedger (zu deutsch: Absicherer) genannt. Wenn ein Händler mit ihnen Gewinne machen will, wettet er auf steigende Kurse solcher Futures: Er kauft den Terminvertrag, lässt sich jedoch später nicht den Weizen liefern, sondern verkauft ihn vor dem Liefertermin zu einem dann höheren Preis – man sagt: er „schließt die Position”. Die Differenz ist sein Spekulationsgewinn.

Ein weiterer Mechanismus der Spekulation sind Indexfonds. Das sind Pakete, die sich an Rohstoff-Indizes orientieren, also zum Beispiel gewichtete Anteile der Preise von Zucker, Weizen und Vieh enthalten. Sie bilden die am Markt gehandelten Mengen in einem Anlageportfolio nach.

Die Folgen

Solche und andere, komplexe Mechanismen des Finanzmarkts wirken, so argumentieren Kritiker, als zusätzlicher Preistreiber. Eine Studie der Hochschule Bremen im Auftrag der Welthungerhilfe schätzt, dass spekulative Kapitalanlagen im Getreidemarkt in den Jahren 2007 bis 2009 zu Preiserhöhungen von bis zu 15 Prozent führten. Eine solche, oft als Finanzialisierung des Rohstoffsektors bezeichnete Entwicklung bedeute letzten Endes, die Rohstoffmärkte und die Lebensmittelversorgung den riskanten Turbulenzen des Finanzmarkts auszusetzen. So schreibt etwa Marc Chesney, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Zürich: „Es gibt einen Zielkonflikt zwischen Liquidität und Stabilität der Lebensmittelmärkte.” Man müsse deshalb die Frage stellen, was wichtiger sei: „Mehr Liquidität durch Spekulation zu erzeugen oder lieber erschwinglichere Lebensmittel für die Armen, besonders in der Dritten Welt, bereitzustellen?” Ähnlich argumentiert Markus Henn, Finanzexperte bei WEED, in einer Stellungnahme für den Bundestag: „Wenn der Aktienmarkt eine Spekulationsblase erlebt, ist dies im Wesentlichen ein Problem der AnlegerInnen. Wenn die Blase im Weizenterminmarkt und dann im Weizenmarkt stattfindet, ist es eine Katastrophe für Millionen Menschen”. Was tun, um die negativen Auswirkungen zu verhindern? Auch Organisationen wie Oxfam und WEED weisen darauf hin, dass es für den Zusammenhang zwischen Spekulation und den Preissprüngen auf den Agrar- und Rohstoffmärkten keinen eindeutigen Beleg gibt und man auf Indizien angewiesen ist. Wie ökonomische Prozesse bewertet werden, hängt nicht nur von den empirischen Daten, sondern auch von den verwendeten Theorien ab. Im Moment werden vor allem diese Ideen und Modelle diskutiert: Der Forderung nach mehr Transparenz auf den Märkten stimmen neben Nichtregierungsorganisation auch andere Interessenverbände zu. Als Vorbild wird hier oft die USA genannt, dort gibt es einen wöchentlichen öffentlichen Bericht über Transaktionen auf Futures-Märkten. Aktuell tritt etwa Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner für ein zentrales Transaktionsregister ein, das den Handel mit Agrarrohstoffen erfassen soll.

Stärker umstritten ist die Frage, ob die Rohstoffmärkte eine stärkere Regulierung benötigen und die Finanzspekulation hier stärker kontrolliert und begrenzt werden sollte. Nichtregierungsorganisationen und einige Ökonomen fordern unter anderem: Rohstoff- und Finanzmärkte generell unterschiedlich zu behandeln eine gesetzliche Definition von „exzessiver Spekulation” und die Schaffung einer Aufsichtsbehörde. Hier wird amerikanische Aufsicht CFTC als Vorbild genannt, die Spekulation bekämpfen soll und auch vorbeugend tätig werden kann. ein Verbot von bestimmten Fondsprodukten wie etwa den Indexfonds. die Einführung von Mengenbeschränkungen (sogenannte Positionslimits) für spekulative Geschäfte. Sie sollen verhindern, dass einzelne Akteure durch ihr Handeln zuviel Einfluss auf die Preise bekommen. Auch Preislimits für bestimmte Produkte werden diskutiert. Dabei wird der Handel ausgesetzt, wenn ein bestimmter Kurs erreicht wird. Das soll starke Schwankungen verhindern. die Einführung einer Transaktionssteuer oder Börsenumsatzsteuer für bestimmte Finanzprodukte. Sie soll vor allem kurzfristige Spekulationsgeschäfte unattraktiver machen und den Handel entschleunigen.