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Nigeria – Bauern verklagen Shell

Erstmals muss sich der Öl-Gigant für die Auswirkungen seiner Aktivitäten auf die Umwelt in Nigeria verantworten. Ungleicher könnten die Kräfteverhältnisse von zwei Streitparteien kaum sein: Auf der einen Seite vier verarmte Bauern aus Nigeria, auf der anderen die Vertreter von Shell, dem weltgrößten Unternehmen mit 93.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 470,2 Milliarden Dollar (364,7 Mrd. Euro) im Jahr 2011. Die vier Bauern, die von der Umweltschutzorganisation Friends of the Earth unterstützt werden, erheben schwere Vorwürfe: Shell habe als größter Ölproduzent Nigerias die Fischteiche, Felder und Wälder in der Umgebung ihrer Heimatdörfer vergiftet und ihnen damit die Existenzgrundlage geraubt.

Die Orte Goi, Oruma und Ikot Ada Udo liegen im Niger-Delta, das 24.000 groß und von Mangrovenwäldern durchzogen ist. Die ganze Region ist schwer gezeichnet: Ölschlieren in allen Regenbogenfarben überziehen Seen und Flüsse, die Wälder sterben ab, Trinkwasser wird verseucht.
Es ist schon ein Sieg für die Westafrikaner, dass sie am Donnerstag vor dem Zivilgericht in Den Haag erscheinen konnten. Denn seit dem Einreichen ihrer Klage vor vier Jahren hatte der mächtige Öl-Konzern zu verhindern versucht, dass er sich zum ersten Mal überhaupt in seiner niederländischen Heimat für Geschäftspraktiken im Ausland verantworten muss – letztlich vergeblich. Der Prozess, der vermutlich erst im nächsten Jahr entschieden wird, hat das Zeug zum Präzedenzfall, wenn es um die globale Verantwortung für Umweltverschmutzung geht.
Teure Sanierung
2011 untersuchte die UNO das besonders massiv verschmutzte Ogoni-Land im Niger-Delta und kam zu alarmierenden Ergebnissen: Eine Sanierung würde mindestens drei Jahrzehnte dauern und eine Milliarde US-Dollar kosten.
Die Bewohner haben keine Zweifel, dass Shell für die Umweltkatastrophe verantwortlich ist. Der Konzern fördert seit 50 Jahren Öl in Nigeria, viele der unterirdischen Pipelines seien alt und mittlerweile undicht.
„Ich habe meine Fischteiche von meinem verstorbenen Vater geerbt. Jetzt habe ich mein Einkommen durch das auslaufende Öl verloren“, sagt Fidelis Oguro, einer der vier Kläger in Den Haag. Alfred Akpan bestätigt: „Alle Fische sind tot, und für mich ist es schwer geworden, zu überleben und meine Kinder durch die Schule zu bringen.“
Die vier Bauern fordern, dass Shell die Pipelines erneuert, um weitere Schäden zu verhindern, die Umweltschäden beseitigt und sie für ihre Verluste entschädigt. Wenn sie Erfolg haben, wird eine Flut von weiteren Schadensersatzklagen erwartet.
Shell wollte den Fall anfangs vor einem nigerianischen Gericht verhandeln, sei doch die lokale Tochtergesellschaft betroffen. Doch schon vor drei Jahren erklärte sich die niederländische Justiz für zuständig.

Enorme Prozesskosten
Jetzt argumentiert der Konzern, für mehr als die Hälfte aller Lecks in den Pipelines seien Öl-Diebe und Saboteure verantwortlich. Man bemühe sich ohnehin, Schäden zu beseitigen, oft sei das wegen der schlechten Sicherheitslage in der Region aber nicht möglich. Seit Jahren bemüht sich der Konzern, durch den Bau von Straßen, Spitälern und Kraftwerken sein Ansehen aufzupolieren.
Niederländische Umweltschützer sprechen hingegen von Doppelmoral. Shell Nigeria sei eng mit der Regierung in Abuja und den Sicherheitsbehörden verbandelt und missachte alle Umweltstandards: „In Europa wäre es undenkbar, dass ein Konzern Anbauflächen von Bauern mit Öl verschmutzt und das dann jahrelang einfach liegen lässt.“
Einen Konzern wegen seiner Aktivitäten im Ausland vor ein europäisches Gericht zu bringen, ist schwierig: Die Rechtslage ist oft unklar, die Prozesskosten sind enorm. Auch klare Beweise, wer tatsächlich für das Auslaufen des Öls verantwortlich ist, sind schwer vorzulegen.
Trotzdem könnte der Fall für die Kläger gut ausgehen: Multinationale Konzerne lassen sich oft lieber auf eine außergerichtliche Einigung ein, als eine Niederlage oder einen nachhaltigen Imageschaden zu riskieren.